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Streitereien und Tränen. Danach schlüpfen sie alle aus ihren Trainingsklamotten in ihre Glitzerkleider, schminken sich und fahren nach Neuss. In der Stadthalle feiern die ortsansässigen Gärtner und Floristen mit einem Schützenkönig und Karaoke. Höhepunkt der Nacht unter tausend Chrysanthemen ist der Auftritt der Lateinformation. Auf den Gängen zwischen den Pils-Tischen machen die Tänzer Gymnastik, inmitten meist übergewichtiger Zuschauer verbreiten sie ihren Zauber und wirken dabei wie von einem anderen Stern. Vergessen die Strapazen des Trainings, weggewischt die Tränen vom Nachmittag. Jetzt verkaufen sie den schönen Schein, frisch, beschwingt und fröhlich. Lächeln, das zur exaltierten Fassade wird. Nach dem Besuch in Neuss geht es noch nach Köln zur Gala der Ehrengarde anlässlich der Verleihung der Goldenen Mütze. Anschließend feiern sie bei Michael noch ein bisschen Geburtstag. Zu Hause in Velbert, Essen oder Aachen angekommen, ist die Nacht schon fast wieder vorbei. Am folgenden Sonntag ist Vormittagstraining. Auch Silvester 1993 stehen Showauftritte auf dem Programm. Zwischen Ennepetal und Düsseldorf vollzieht sich der Jahreswechsel auf der Autobahn. Wessel-Therhorn: »Das ist die totale Selbstaufopferung. « Sportärzte haben anhand von Laktat-Tests und Herzfrequenzmessungen herausgefunden, dass Turniertänzer oft sogar die Werte von Handball- und Tennisprofis übertreffen. In einer Formationskür fallen 42 bis 44 Takte pro Minute an bei vier bis sechs Schritten pro Takt. Die Anstrengung entspricht fast
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der eines Hindernislaufs über 3000 Meter. Mit dem Unterschied, dass der Läufer nicht um Choreographie und Einklang mit dem Partner bemüht sein muss. Wessel-Therhorn: »Technisch ist das eine der schwierigsten Sportarten überhaupt. « Viel Aufwand für kein Geld. Was sind das für Menschen, die sich in karnevalsähnlichen Fummeln und halbnackt mit zweideutiger Körpersprache zur Beschau freigeben? Michael muss da gar nicht nachdenken: »Wir sind alle Exhibitionisten. «
»Das Tanzen ist wie unser wahres Leben, sonst könnten wir das alles nicht machen. Tanzen ist eine Droge«
Michael Kesseler, gut aussehend, Zahnarzt, ein Traum von einem Schwiegersohn. Eigentlich wollte er immer Schneider werden, irgendetwas gestalten im Modebereich, vielleicht mal in Paris leben. Aber die Eltern wollten, dass er einen anständigen Beruf lernt. Nun beschäftigt er sich überwiegend mit Karies und Parodontose. Michael assistiert dem Trainer bei Choreographie und Training. Und es ist nicht schwer zu erraten, wer die farbenfrohen Kostüme entworfen hat. Im Scandic Hotel in Stavanger machen sich an einem trüben Wintersamstag von fünf Uhr morgens an die Tänzer aus Düsseldorf zu Recht. Sie pudern und schminken sich Karibik-Bräune ins Gesicht. Sie montieren mit Toupetklebstoff bunte Steinchen auf die Stirn, färben sich die Haare, maniküren
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sich die Nägel, tuschen sich die Wimpern. Im richtigen Leben sind sie EDV-Kaufmann oder Verwaltungsangestellte an Schreibtischen mit Hydrokulturen, Zahnarzthelferinnen oder BWL-Studenten in überfüllten Hörsälen. Inken ist Studentin und elf Wochen vor der Weltmeisterschaft Mutter geworden. Es hat sie viel Mühe gekostet, die tänzerischen Defizite wettzumachen. Wofür? Weiß sie nicht, wo sie jetzt hingehört? Sie zeigt auf die Tanzfläche und sagt: »Da draußen. Das Tanzen ist wie unser wahres Leben, sonst könnten wir das alles nicht machen. Tanzen ist eine Droge. « Wessel-Therhorn weiß, was das bedeutet: »Für Hobbys bleibt da keine Zeit. « Nicht nur für Hobbys. Claudia, 24, Verwaltungsangestellte, sagt: »Freundschaften sind praktisch nicht möglich. Entweder man hat einen Freund, der sehr viel Verständnis hat, oder man lässt es gleich bleiben. « Die Paare finden außerhalb des Parketts nur selten zueinander. Tänzer sind halt Tänzer. Die Seelenverwandtschaft fesselt sie aneinander: Thomas, 27, kaufmännischer Angestellter: »Man muss im körperlichen und seelischen Einklang mit allen anderen im Team stehen. « Ralf, 25, EDV-Kaufmann: »Wenn einer das nicht kann, zieht er die ganze Mannschaft runter. « Deutsche Formationstänzer beherrschen die Wettkämpfe sowohl in Standard wie in Latein. Kein anderes Land stellte bislang einen Weltmeister, nur zweimal verhinderten ausländische Teams einen Doppelerfolg des DTV. Bei den Weltmeisterschaften in Stavanger bot ein Teil der Konkurrenz besseres Schülerballett zu Popmusik
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Die meisten dieser Teams wären hierzulande nicht einmal drittklassig. Rund 100 Formationen gibt es in Deutschland. Man sagt, es sei schwieriger, Deutscher Meister oder Bundesliga-Erster zu werden als Weltmeister. Der Berliner Reinhold Sommer inszenierte 1922 eine Tango-Quadrille und gilt seither als Schöpfer des Formationstanzens. 1937 fand in Blackpool der erste Wettkampf statt, der englische Ort ist bis heute das Wimbledon der Tänzer geblieben. 1964 gab es auf Initiative der Düsseldorfer Tanzschule Dresen in Neuss die erste Deutsche Meisterschaft. Sieger in der Lateinkonkurrenz: TD Rot-Weiß Düsseldorf. In den letzten Jahren dominierten allerdings die TSG Bremerhaven und TSC Schwarz-Gelb Aachen. In der Idrettshall von Stavanger stehen Claudia, Vera, Astrid, Frank, Maik, Holger und all die anderen. Als vier von sieben Preisrichtern das Schild mit der »1« heben, ist Düsseldorf zum ersten Mal nach dem Triumph mit der Standardformation 1984 wieder Weltmeister. Es folgt ein Schwall von Freudentränen. Umarmungen, fast hysterischer Jubel. Als sich die Wogen glätten, steht Holger, Tanzlehrer aus Bergisch Gladbach, mitten auf der Tanzfläche und weidet sich an der Atmosphäre: »Die sechs Minuten Tanz kamen mir vor wie 30 Sekunden. Ich war wie in Trance.« Und das Gefühl dabei? »Ich glaube, das ist das wahre Ich. « Danach war es so wie immer. Die Tänzerinnen und Tänzer steigen aus den Kostümen, schminken sich ab, nehmen eine Dusche und werden nach und nach wieder zu dem, was sie eigentlich nicht sind.
© stern, 3.2.1994
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