Britney

Aufschwung durch Hüftschwung      Foto Reuters

Der mit dem Turnschuh tanzt

Warum die Tanzschulen so großen Zuspruch finden, ist schnell erklärt: „Tanzen gehört zur Allgemeinbildung“ hört man einmütig von Holger Leyer, dem Geschäftsführer der Tanzschule Leyer in Bergisch Gladbach, und von Georg Stallnig, dem Geschäftsführer der Tanzschule Breuer in Köln. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren viel in den Tanzschulen geändert. „Früher erwirtschafteten wir den Großteil unseres Umsatzes aus Paaren, heutzutage sind es die Jugendlichen“, sagt Leyer. Daher wird besonders viel getan, um den Jugendlichen die Tanzschule näher zu bringen und das verstaubte Image der altmodischen Tanzschule mit dem Tanztee am Sonntagnachmittag loszuwerden. „Die Jugendlichen wollen nicht mehr das Spießige“, meint Leyer. Sie möchten keinen Tanzlehrer mit erhobenem Zeigefinger, vielmehr erwarten sie sich Spaß vom Kurs. Leyer sieht den Tanzlehrer von heute mehr als Gruppenleiter denn als Lehrer. So sind die Tanzlehrer in seiner Schule „jung und trendy“, Turnschuhe gehören in den Grundkursen für Jugendliche zum Dress-Code. „Jugendliche, vor allem Jungen, werden durch die richtigen Tanzschuhe eher abgeschreckt“, erklärt Leyer diese Regel. Auch der Unterricht ist locker; was zählt, ist, dass die Jugendlichen ihren Spaß haben. Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband sieht den Trend zum Tanzen als Freizeiterlebnis für Jugendliche wie auch für Erwachsene. Die Präsidentin des ADTV, Cornelia Willius-Senzer, betont, das zunehmende Bewusstsein für Gesundheit und Bewegung sei ein Grund, warum Menschen einen Tanzkurs besuchen.

Stallnig verzeichnet in der Tanzschule Breuer eine besonders große Resonanz in der Altersgruppe von 18 bis 22 Jahren. „Auf dem Abiturball oder auf Hochzeiten merken sie, dass sie bei den Tänzen nicht mittanzen können.“ Um gesellschaftlich mithalten zu können, besuchen die jungen Erwachsenen daher Kurse. Der ADTV kann dies bestätigen: Leute bis 30 Jahre besuchen vor allem Kurse für Hochzeitsvorbereitungen, sagt Michael Meiners, der Sprecher des ADTV.

Viele Tanzschulen bieten mittlerweile auch Kurse speziell für Singles an. Das Konzept der Tanzschule Breuer sieht hier etwas anders aus: „Obwohl 40 Prozent der Teilnehmer Singles sind, bieten wir keine speziellen Tanzkurse an.“ Laut Stallnig haben solche Kurse oft einen „negativen Touch“. Stattdessen achte er darauf, dass in den Kursen für Paare ungefähr gleich viele Frauen wie Männer seien, so dass niemand alleine dastehen müsse, sondern zusätzlich noch neue Leute kennen lernen könne. Zusätzlich zu den Tanzkursen bieten viele der Schulen auch Diskos für Jugendliche an den Wochenenden an. Sie sind eine Alternative für alle Jugendlichen, die „normale“ Diskotheken noch nicht uneingeschränkt besuchen dürfen.

Leyer kann über eine steigende Entwicklung in den vergangenen Jahren berichten: „Hatten wir früher noch einen Grundkurs je Woche, haben wir heute an jedem Wochentag außer sonntags einen Grundkurs.“ Und er sieht positiv in die Zukunft: „Jugendliche haben immer Geld. Wenn das Taschengeld nicht ausreicht, dann nehmen sie einen kleinen Nebenjob an.“ Dies ist auch oft nötig, da die Preise für einen Tanzkurs wohl kaum dem Taschengeld eines Jugendlichen entsprechen: Für einen Anfängerkurs über 10 Unterrichtsstunden bei Breuer müssen Jugendliche mit etwa 95 Euro rechnen. Bei vielen Jugendlichen geben wahrscheinlich die Eltern etwas dazu, da ein Tanzkurs meist in ihrem Sinne ist. Aber auch Erwachsene suchen mehr und mehr ihren Spaß und sind auch wieder bereit, Geld dafür auszugeben. Für Erwachsene kostet ein Anfängerkurs mit 9 Doppelstunden 105 Euro. In den weiterführenden Kursen sind die Preise ähnlich.

Die Umsatzentwicklung in den Tanzschulen in Deutschland war eine Zeitlang rückläufig, erklärt Willius-Senzer vom ADTV. Jetzt aber hätten sich Trends in den Tanzschulen entwickelt; dazu gehört Dance4Fans. Hier tanzen die Jugendlichen die Choreographien ihrer Popstar-Idole Schritt für Schritt nach. Laut ADTV besuchen mehr als 100000 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 17 Jahren in den Tanzschulen des ADTV diese Kurse. Auch Stallnig kann diesen Trend bestätigen: In seiner Tanzschule hat sich im Vergleich zu 2003 die Zahl der Teilnehmer an Dance4Fans-Kursen verdoppelt. Stallnig erklärt sich den Erfolg dieser Kurse durch die Popkultur: „Die lieben es, die Schritte von Britney Spears oder anderen angesagten Stars nachzutanzen.“ [...]

Anna-Linda Balkowski

 

© Frankfurter Allgemeine Zeitung

2. September 2004


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