Das Tanzen ist wie unser wahres Leben, sonst könnten wir das alles nicht machen. Tanzen ist eine Droge.

Stern |

Es ist die Geschichte von Claudia, Vera, Astrid, Frank, Maik, Holger und all den anderen. Es ist eine Geschichte von Glanz und Flitter, Schweiß und Tränen. Und es ist die Geschichte einer Faszination. Vera sagt: »Es ist wie Sex. Vorausgesetzt, man hat es richtig verstanden. « Aber wer kann das schon?

In der Idrettshall von Stavanger flattern Seide und Chiffon, funkeln Pailletten und Strass, glänzen Bänder und Bordüren. Hüften schwingen, Beine fliegen, Körper schweben. Anmutige Frauen mit tiefem Dekolleté und geschmeidige Männer mit entblößter Brust verbinden scheinbar mühelos Erotik und Eleganz, Rhythmus und Dynamik.

Die Lateinformation der TD Rot-Weiß Düsseldorf bestreitet unter den orientalischen Klängen israelischer Volksmusik das Finale der Weltmeisterschaft. Acht Paare, eine Einheit, sechs Minuten dauert die Darbietung. 16 Menschen fegen über das Parkett, fügen sich zu Linien und Kreisen, Figuren und Bildern. Sie wiegen sich wellenförmig durch den Raum bei der Samba, demonstrieren übermütige Ausgelassenheit und koketten Flirt beim Cha-Cha, vermitteln hingebungsvolles Werben, Abwehr und Flucht bei der Rumba, versinnbildlichen Stierkampfelemente beim Paso doble und robuste Lebensfreude beim Jive.

Lateinamerikanische Tänze zeigen, anders als bei den von klassischem Stil und Reife geprägten Standardtänzen, den Mythos von Jugend und Schönheit, die Allegorie von Anziehung und Reiz zwischen den Geschlechtern. Lateintänzer geben Gefühlen ein Gesicht.

Tanzen liegt im Trend hierzulande. Ausverkaufte Hallen bei nationalen Meisterschaften, grenzenlose Begeisterung bei Schauturnieren und nachgewiesener Voyeurismus in den Wohnzimmern der Republik. öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender übertragen bei Einschaltquoten von bis zu acht Prozent und drei Millionen Zuschauern.

Wenn Wessel-Therhorn einen Raum betritt, wird er zum Mittelpunkt. Sein Scheitel sitzt perfekt, die Krawatte passt zum Jackett, die Schuhe sind blitzblank poliert. Wenn er die gefalteten Hände mit den goldenen Ringen< und dem Schmuckkettchen am Handgelenk vor das Gesicht hält, wissen alle, dass jetzt gleich etwas passiert. Der Trainer mag Liza Minnelli und Frank Sinatra, und er duldet nur, was ihm gefällt. Die Schrittfolge stimmt nicht, die Aufstellung stimmt nicht, die Posen stimmen nicht. Assistenztrainer Michael Kesseler ist Wessel-Therhorns verlängerter Arm sechs Sprossen tiefer auf dem Parkett. Er korrigiert das Beugen und Strecken von Armen, das Aufsetzen und Schwingen von Beinen.

Es ist immer das gleiche Ritual. Die Tänzer steigen mit den Schuhen in eine Wanne mit Limonade, die die Haftung der Sohlen verbessert, auf die Plätze, fertig, Musik ab. Zwei, drei Figuren, vier, fünf Schrittfolgen, Pirouette – und Stopp. Der Laie sieht keinen Makel. der Trainer knurrt. Noch mal von vorne. Wessel-Therhorn sagt: »Tanzen ist Disziplin. «

»Wir sind da auf einem guten Weg«, sagt der Vizepräsident des Deutschen Tanzsportverbandes (DTV), Harald Frahm. Fast 200 000 Turniertänzer in rund 1700 Klubs sind derzeit gemeldet. Und die Faszination Latein hat Konjunktur. Das weiß auch Mark-Stefan, 19, Nachwuchstänzer bei der TD: »Man sieht diese Darbietungen, die an Revue und Cabaret erinnern, man sieht all die hübschen Mädchen und die gut aussehenden Jungs und findet es einfach schön. «Der Alltag ist das nicht. In der Trainingshalle im Düsseldorfer Stadtteil Grafenberg ist es kühl. Neonlicht fällt auf Betonwände, Kondenswasser legt sich auf die Thermopaneverglasung.

Trainer Oliver Wessel-Therhorn, 33, thront auf einem Schiedsrichterstuhl an der Stirnseite der Tanzfläche und gibt Kommandos. Zurechtweisungen wie auf dem Kasernenhof: »Mensch, wir fahren hier einen Zug mit 190 Stundenkilometern – und du spielst den Bremsklotz. « Der Mann ist eine Autorität. Er war Weltmeister mit der Formation, dazu Einzelweltmeister in Standard und Kombination mit seiner früheren Frau Martina. Und Perfektion von der Fingerkuppe bis zum großen Zeh. Nur dass bei den Formationen alles bei allen auch noch gleich aussehen muss. Kongruenz in Bewegungen, Kostümen und Kosmetik – wer Formation tanzt, muss sich einordnen, unterordnen, zurücknehmen bis zur Uniformität. Mark Schiffmann war früher in Düsseldorf aktiv, jetzt ist er quasi als Entwicklungshelfer und Trainer bei der Oslo Latin Formation tätig. Sein Credo ist ernüchternd für jeden Eleven: »Vergesst alles über persönliche Ambitionen, vergesst Einzeltanzen. Hier geht es darum, militärisch exakt zu funktionieren. «Wenn die Gruppe scheinbar mühelos über das Parkett gleitet, sieht niemand, was dahinter steckt. Tanzen ist selbst für Amateure Fronarbeit. In der Woche heißt das zeitig aufstehen, acht Stunden arbeiten, danach drei bis vier Stunden trainieren, nach Hause, ins Bett. Jeden Tag. An Wochenenden fallen sechs bis acht Stunden Üben an, danach oft noch Showauftritte.

Zwischen 2500 und 4000 Mark erhält eine Lateinformation für derlei Präsentationen, der Tänzer selbst keinen Pfennig. Denn für den Verein sind die Kosten enorm. Die Kostüme mit 20 Meter Perlenschnüren, Tausenden von Strass- und anderen bunten Steinen sowie 30 Meter Bordüren schlagen mit 40 000 Mark zu Buche, das im Tonstudio montierte Musiktape mit 20 000, und für Reisen zu Turnieren und Meisterschaften kommen noch mal 30 000 bis 40 000 Mark hinzu.

Die Düsseldorfer unterhalten eine Standard- und eine Lateinformation, und der Vorsitzende Ottomar Pfand »wäre schon froh, wenn wir von der Stadt Düsseldorf ein paar tausend Mark bekämen«. Der Klub rettet sich gerade so über die Runden, die Tänzer zahlen drauf. Benzingeld gibt es nicht mal für Shows.

Mitte November bei der TD Rot-Weiß. Bis zur Weltmeisterschaft sind es nur noch ein paar Wochen. Sechs Stunden Training hat die Formation gerade überstanden, dazu Gefühlsausbrüche, Streitereien und Tränen. Danach schlüpfen sie alle aus ihren Trainingsklamotten in ihre Glitzerkleider, schminken sich und fahren nach Neuss. In der Stadthalle feiern die ortsansässigen Gärtner und Floristen mit einem Schützenkönig und Karaoke. Höhepunkt der Nacht unter tausend Chrysanthemen ist der Auftritt der Lateinformation.

Auf den Gängen zwischen den Pils-Tischen machen die Tänzer Gymnastik, inmitten meist übergewichtiger Zuschauer verbreiten sie ihren Zauber und wirken dabei wie von einem anderen Stern. Vergessen die Strapazen des Trainings, weggewischt die Tränen vom Nachmittag. Jetzt verkaufen sie den schönen Schein, frisch, beschwingt und fröhlich. Lächeln, das zur exaltierten Fassade wird.

Nach dem Besuch in Neuss geht es noch nach Köln zur Gala der Ehrengarde anlässlich der Verleihung der Goldenen Mütze. Anschließend feiern sie bei Michael noch ein bisschen Geburtstag. Zu Hause in Velbert, Essen oder Aachen angekommen, ist die Nacht schon fast wieder vorbei. Am folgenden Sonntag ist Vormittagstraining. Auch Silvester 1993 stehen Showauftritte auf dem Programm. Zwischen Ennepetal und Düsseldorf vollzieht sich der Jahreswechsel auf der Autobahn. Wessel-Therhorn: »Das ist die totale Selbstaufopferung. «

Sportärzte haben anhand von Laktat-Tests und Herzfrequenzmessungen herausgefunden, dass Turniertänzer oft sogar die Werte von Handball- und Tennisprofis übertreffen. In einer Formationskür fallen 42 bis 44 Takte pro Minute an bei vier bis sechs Schritten pro Takt. Die Anstrengung entspricht fast der eines Hindernislaufs über 3000 Meter. Mit dem Unterschied, dass der Läufer nicht um Choreographie und Einklang mit dem Partner bemüht sein muss. Wessel-Therhorn: »Technisch ist das eine der schwierigsten Sportarten überhaupt. « Viel Aufwand für kein Geld. Was sind das für Menschen, die sich in karnevalsähnlichen Fummeln und halbnackt mit zweideutiger Körpersprache zur Beschau freigeben? Michael muss da gar nicht nachdenken: »Wir sind alle Exhibitionisten. «

Michael Kesseler, gut aussehend, Zahnarzt, ein Traum von einem Schwiegersohn. Eigentlich wollte er immer Schneider werden, irgendetwas gestalten im Modebereich, vielleicht mal in Paris leben. Aber die Eltern wollten, dass er einen anständigen Beruf lernt. Nun beschäftigt er sich überwiegend mit Karies und Parodontose. Michael assistiert dem Trainer bei Choreographie und Training. Und es ist nicht schwer zu erraten, wer die farbenfrohen Kostüme entworfen hat.

Im Scandic Hotel in Stavanger machen sich an einem trüben Wintersamstag von fünf Uhr morgens an die Tänzer aus Düsseldorf zu Recht. Sie pudern und schminken sich Karibik-Bräune ins Gesicht. Sie montieren mit Toupetklebstoff bunte Steinchen auf die Stirn, färben sich die Haare, maniküren sich die Nägel, tuschen sich die Wimpern. Im richtigen Leben sind sie EDV-Kaufmann oder Verwaltungsangestellte an Schreibtischen mit Hydrokulturen, Zahnarzthelferinnen oder BWL-Studenten in überfüllten Hörsälen.

Inken ist Studentin und elf Wochen vor der Weltmeisterschaft Mutter geworden. Es hat sie viel Mühe gekostet, die tänzerischen Defizite wettzumachen. Wofür? Weiß sie nicht, wo sie jetzt hingehört? Sie zeigt auf die Tanzfläche und sagt: »Da draußen. Das Tanzen ist wie unser wahres Leben, sonst könnten wir das alles nicht machen. Tanzen ist eine Droge. « Wessel-Therhorn weiß, was das bedeutet: »Für Hobbys bleibt da keine Zeit. «

Nicht nur für Hobbys. Claudia, 24, Verwaltungsangestellte, sagt: »Freundschaften sind praktisch nicht möglich. Entweder man hat einen Freund, der sehr viel Verständnis hat, oder man lässt es gleich bleiben. « Die Paare finden außerhalb des Parketts nur selten zueinander. Tänzer sind halt Tänzer.

Die Seelenverwandtschaft fesselt sie aneinander: Thomas, 27, kaufmännischer Angestellter: »Man muss im körperlichen und seelischen Einklang mit allen anderen im Team stehen. « Ralf, 25, EDV-Kaufmann: »Wenn einer das nicht kann, zieht er die ganze Mannschaft runter. «

Deutsche Formationstänzer beherrschen die Wettkämpfe sowohl in Standard wie in Latein. Kein anderes Land stellte bislang einen Weltmeister, nur zweimal verhinderten ausländische Teams einen Doppelerfolg des DTV. Bei den Weltmeisterschaften in Stavanger bot ein Teil der Konkurrenz besseres Schülerballett zu Popmusik Die meisten dieser Teams wären hierzulande nicht einmal drittklassig. Rund 100 Formationen gibt es in Deutschland. Man sagt, es sei schwieriger, Deutscher Meister oder Bundesliga-Erster zu werden als Weltmeister.

Der Berliner Reinhold Sommer inszenierte 1922 eine Tango-Quadrille und gilt seither als Schöpfer des Formationstanzens. 1937 fand in Blackpool der erste Wettkampf statt, der englische Ort ist bis heute das Wimbledon der Tänzer geblieben. 1964 gab es auf Initiative der Düsseldorfer Tanzschule Dresen in Neuss die erste Deutsche Meisterschaft. Sieger in der Lateinkonkurrenz: TD Rot-Weiß Düsseldorf. In den letzten Jahren dominierten allerdings die TSG Bremerhaven und TSC Schwarz-Gelb Aachen.

In der Idrettshall von Stavanger stehen Claudia, Vera, Astrid, Frank, Maik, Holger und all die anderen. Als vier von sieben Preisrichtern das Schild mit der »1« heben, ist Düsseldorf zum ersten Mal nach dem Triumph mit der Standardformation 1984 wieder Weltmeister. Es folgt ein Schwall von Freudentränen. Umarmungen, fast hysterischer Jubel. Als sich die Wogen glätten, steht Holger, Tanzlehrer aus Bergisch Gladbach, mitten auf der Tanzfläche und weidet sich an der Atmosphäre: »Die sechs Minuten Tanz kamen mir vor wie 30 Sekunden. Ich war wie in Trance.« Und das Gefühl dabei? »Ich glaube, das ist das wahre Ich. «

Danach war es so wie immer. Die Tänzerinnen und Tänzer steigen aus den Kostümen, schminken sich ab, nehmen eine Dusche und werden nach und nach wieder zu dem, was sie eigentlich nicht sind.

© stern, 3.2.1994

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Von Gerhard Waldherr und alter Schmitz (Fotos)
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